2016/05/16

Nachtsaison

Sieben Stunden durch die Nacht im Auto, hinter Hamburg beginnt der Nebel. Er reicht weit bis nach Dänemark hinein, wo die Straßen leerer werden, so als gäbe es nur noch eine Richtung und in diese will niemand außer mir. Die junge Hündin, die vor der Abreise aufgeregt war, liegt nun und schläft und schläft. Der ältere Hund schläft nicht, als wisse er es besser, als ruhe man sich eben nicht aus unterwegs. Die Kontrolle abzugeben ist ein Luxus, den sich vielleicht nur die Babys leisten können oder eben müssen.
Nach Hamburg geht es eigentlich immer nur noch geradeaus nach Norden, so lange bis nur noch Meer da ist oder eine der Fähren nach Norwegen oder Schweden.
Ein Teil des Strandes am Havn ist mit dem Auto befahrbar, wie seltsam das ist, direkt bis ans Wasser zu fahren, aber auch barrierearm. Im Osten brechen die hohen Stahltürme einer Bohrplattform die Weite.
Obwohl in ein paar Tagen Ostern ist, wirken der Strand und die kleine Hafenstadt verlassen. Nur wenige sind mit ihren Hunden unterwegs. Beim Bäcker an der Hauptstraße kaufe ich Kaffee in pinken Bechern, gut ist der und heiß. Vielleicht macht das auch nur die Reise und die Spuren der Nacht, nach der sich jedes Stück Wärme gut anfühlt. Die Sonne tut ein Übriges zur Begrüßung, doch hinter den Türmen zieht eine Nebelwand auf. Schnell kommt sie heran, als hätte ich sie fast abgehängt gehabt, jetzt aber eben doch mitgebracht als Nachzüglerin. Der Nebel kriecht unter die Kleidung und auch im Haus ist es kalt als ich es erreiche, doch neben dem Ofen steht ein Korb mit Holz. Wenn der Nebel sich lichtet, werde ich zu Westen hin das Meer sehen können.
Das Haus steht in den Dünen und auf der höchsten Erhebung in Sichtweite sehe ich in den folgenden Tagen ab und an Leute stehen, die immer das Gleiche tun. Sie steigen nach oben, nehmen das Telefon aus der Tasche und fotografieren das Meer. Dann drehen sie sich und fotografieren landeinwärts, manche machen auch ein Bild von sich. Das Kind hat mal gesagt, „die Erwachsenen machen ständig Fotos, das Handy scheint mir denen das wichtigste, die müssen immer ein Stück ins Gerät packen und mitnehmen.“ Es macht ihm dennoch Spaß, sich Bilder anzugucken, diese zu filtern und in die Netzwerke zu senden. Ich denke, ich bin auch erwachsen und will nicht nur das Meer, sondern mich in diesem Moment mitnehmen. Wenn ich mir die Bilder später anschaue, öffnet sich etwas für die Reflexion, vielleicht verschließt sich aber auch etwas. Ich dopple mich ja eher in der Schrift als im Bild.
Mir fällt ein Gespräch ein, welches ich mal mit C-M über Berlin, Neukölln und Gentrifizierung hatte. Es ging darum, wie er/man/ich/wir nicht mit der Veränderung klarkommen und den alten Zeiten nachtrauern und wie albern das auch gleich wieder ist. In eine Stille hinein sagte dann C-M etwas wie: „Vielleicht trauere ich gar nicht dem alten Kiez nach, sondern mir wie ich damals war.“ Etwas ähnliches hat einmal jemand rückblickend auf eine gemeinsam verbrachte Zeit zu mir gesagt: “Ich vermisse nicht so sehr dich, sondern mich, wie ich mit dir war.” Einer der besseren war das.

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