2014/09/13

Wann fing das eigentlich an, dieses Bedürfnis die Dinge zusammenhalten zu müssen? Mit der Verantwortung für das Kind oder mit der ernstzunehmenden Erwerbsarbeit?
Ich frage mich das, seit ich in der Wohnung sitze, die sich der Kontrolle entzieht. Die Wohnung, die nicht schnell fertig zu stellen und herzurichten ist, und in die ich wahrscheinlich aus genau diesen Gründen eingezogen bin. Ich bin vor Ewigkeiten, wie so einige, aus einer westdeutschen Sauberkeit geflohen, aus dem Fertigen, von den Schrankwänden und dem Stolz der blankpolierten Einbauküchen, den gestärkten Gardinen und den ordentlichen Vorgärten weg. Hauptsächlich, weil ich mich echt fühlen wollte, ziemlich kaputt und manchmal auch glücklich, aber das Kaputte sollte sich spiegeln dürfen im Außen. So sehr hatte ich genug von all dem Wegwischen und unter den Teppich kehren, dass ich die gesamten Neunziger überhaupt nicht saubergemacht habe. Möbel gab es auch nicht. Das Umziehen, das Umherziehen musste schnell gehen. Meine Mutter sagte später einmal, “Du lebst wie wir kurz nach dem Krieg, mit den zusammengesuchten Sachen, alles so alt und voller Gebrauchsspuren. Davon wollten wir weg. Von der Zerstörung.”

Seit ein paar Jahren denke ich, ich muss fertig werden. Ich weiß nicht mal, womit. Was ich eigentlich weiß ist, dass niemand je fertig wird. Alles ist immer Provisorium. M. sagt, Fertigwerden ist Übersprungshandlung. Für die ganze Verantwortung, die man plötzlich trägt oder fühlt und dabei weiß man ja immernoch nicht genau, wie alles geht, weil auch das niemand je weiß. Ich erinnere, wie im letzten Jahr eine Freundin zu Besuch kam, die ich lange nicht gesehen hatte, und wie ich mich entschuldigte, dass es bei mir unordentlich sei. Sie hat mich ausgelacht und gefragt, was passiert sei. Nicht mit der Wohnung, sondern mit mir. Und da hab ich zum ersten Mal überlegt, was und wie es mir abhanden gekommen ist.

Der Umzug fördert einiges zutage, einen Wolfgang Tillmans Band aus den frühen Neunzigern und eine Fotokiste, die die letzten drei Jahre hinter einen Schrank gerutscht war. Ich sehe Bild um Bild an und merke, wie sehr ich von dieser Ästhetik geprägt bin. Von einer, die nicht schön sein will, die vom Menschlichen erzählt, auch und gerade im Müden, Schmutzigen, im Alltäglichen – ohne jedoch so eine vice-upfuckedness daraus zu machen. Ich hätte gern einen instagram Nebenstream – einen, der das abbildet, was so sorgsam weggeräumt wird. Ich bin die Professionalisierung des Alltags, des Aussehens, des Essens so leid. Die alten Bilder fühlen sich viel echter an, als das meiste, was ich täglich sehe. Und plötzlich fühle ich mich alt und müde – wie aus der Welt gefallen einsam. Nicht so sehr der Bilder wegen, sondern aufgrund dieser Gedanken.

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