2015/06/05

Sein Kopf liegt neben mir auf dem Sofa. Er ist eingeschlafen. Ich rieche die Wärme, die das feuchte Haar abgibt. Er wollte unbedingt eine Decke, trotz der Hitze. Eine Decke ist wie eine zweite Haut, sie hält ohne etwas zu wollen. Ich verstehe das.

Ich habe wieder angefangen zu lesen und wenn ich lese, will ich gleich auch wieder anfangen zu schreiben. In den letzten Monaten habe ich wenig gelesen und kaum geschrieben. Stattdessen bin ich mitten in/mit den Gesprächen, die ich hauptsächlich übers Telefon führte, in der Luft hängengeblieben.

Worte ändern nichts und alles. Ich schreibe mich neu.

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2015/05/18

Am späteren Morgen kocht der Sojadrink über. Ich bin ganz in der Nähe und dennoch verpasse ich den Moment an dem ich den Topf von der Kochstelle hätte nehmen sollen. Es fühlt sich an, wie einen Absprung zu verpassen. Es geht eine Menge daneben. Gestern Abend hat M. noch die Glaspatte gereinigt, so dass sie wieder glatt und dunkel spiegelt. Der Herd ist ein Geschenk der neuen Liebe. Es wurde bereits mit alten Lieben daran gekocht. Ich finde die Vorstellung ganz gut, dass die Dinge weitergehen und weitergegeben werden.

Dem Kaffee sieht man das Überkochen nicht an.

Ich lese derzeit noch einmal „The Ethical Slut“ und empfinde, mehr noch als beim ersten Lesen, dieses Buch als sehr empfehlenswert für alle möglichen menschlichen Beziehungen. Die Grundgedanken, nämlich möglichst offen und ehrlich ohne Erwartungshaltung zu kommunizieren, sich von symbiotischen Beziehungsvorstellungen zu lösen und in Netzwerken oder Affiliationen und nicht in exklusiven Zweierbünden zu denken und zu handeln, kommen mir nicht nur zupass, wenn ich mich als polyamouröus verorte. Den Umgang mit Ex-Lieben und neuen Lieben, auch Parallellieben oder intensiven Freundschaften, den mir der HeteroMonogamMainstream vorgibt, möchte und mochte ich nie haben. Ich will Menschen, und vor allem andere Frauen*, nicht in Konkurrenz setzen und möglichst wenige Ausschlüsse produzieren. Was ich schätze an der Auseinandersetzung mit Modellen jenseits gängiger Normen ist, dass ich nichts als gegeben hinnehmen kann. Ich muss mit den Menschen um mich herum sprechen und ich muss genau zuhören lernen. Dass muss ich ja eigentlich immer. Allerdings wird dies umso sichtbarer, je weiter ich vorherrschende Referenzsysteme verlasse.

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2015/03/20

geometrie / geographie / choreographie

“I can’t give it up. Up. Up. Up.”

Eine Stadt betreten wie ein anderes Leben, eine andere Person, eine Alternative, viele Alternativen, die alle genauso valide sein könnten. Um richtig oder falsch geht es nicht bei Entscheidungen. Es geht eher darum etwas zu werden oder nicht zu werden, eine Bewegung auszuführen und diese formt durch die Ausführung Körper und Selbst. Mehr noch als das Ergebnis der Entscheidung brauche ich diese Beweglichkeit, die Möglichkeit zur Änderung. Nicht nur beim Tanz schreibt der Körper einen Raum, der nicht feststehen kann.

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2015/02/20

„Eines Tages, ich war schon alt, kam in der Halle eines öffentlichen Gebäudes ein Mann auf mich zu. Er stellte sich vor und sagte: ‚Ich kenne Sie seit jeher. Alle sagen, Sie seien schön gewesen, als Sie jung waren, ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß ich Sie heute schöner finde als in Ihrer Jugend, ich mochte Ihr junges Gesicht weniger als das von heute, das verwüstete.‘

Ich denke oft an jenes Bild, das einstweilen nur ich sehe und von dem ich nie gesprochen habe. Es ist immer noch da, in der gleichen Stille, wunderbar. Es ist das einzige Bild von mir, das mir gefällt, das einzige, in dem ich mich wiedererkenne und welches mich entzückt.

Sehr bald in meinem Leben war es zu spät. Mit achtzehn war es zu spät. Zwischen achtzehn und fünfundzwanzig nahm mein Gesicht eine unerwartete Richtung. Mit achtzehn bin ich gealtert. Ich weiß nicht, ob es allen so geht, ich habe nie gefragt. Mir ist, als hätte man mir schon von jenem Zeitschub erzählt, der einen manchmal überrascht, wenn man die jugendlichsten, die meistgefeierten Jahre des Lebens durchquert. Dieses Altern war jäh. Ich sah, wie es einen Gesichtszug nach dem anderen erfaßte, wie es deren Beziehung untereinander veränderte, wie es die Augen größer machte, den Blick trauriger, den Mund bestimmter und in die Stirn tiefe Furchen grub. Statt darüber erschrocken zu sein, verfolgte ich dieses Altern meines Gesichts mit der gleichen Neugier, mit der ich mich zum Beispiel in ein Buch vertieft hätte. Ich wußte auch, es war keine Täuschung, es würde sich eines Tages verlangsamen und seinen normalen Lauf nehmen. Die Leute, die mich im Alter von siebzehn, während meiner Reise nach Frankreich, kannten, waren beeindruckt, als sie mich zwei Jahre später mit neunzehn wiedersahen. Dieses neue Gesicht habe ich behalten. Es war mein Gesicht. Selbstverständlich ist es weiter gealtert, doch weniger als zu erwarten gewesen wäre. Ich hab ein von trockenen und tiefen Falten zerfurchtes Gesicht, mit welker Haut. Es ist nicht erschlafft wie manche Gesichter mit feinen Zügen, es hat die Konturen bewahrt, doch sein Stoff ist zerstört. Ich habe ein zerstörtes Gesicht.“

(Aus: „Der Liebhaber“ von Marguerite Duras)

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2015/02/13

Haut*

/Am Morgen wache ich auf, die Nacht spüre ich noch, jedoch eher unbestimmt. Ich liege ja und bin eingehüllt, die Bettdecke etwas schwerer im Winter, das Gesicht und ein Bein aber freigegeben in die Kälte des Raums. Im Badezimmer dann, beim Blick in den Spiegel, sehe ich den Abdruck des Kissens in meinem Gesicht. Spiegelverkehrt kann ich ihn anfassen. Ich spüre nach ob die Ansicht der Druckstelle und das Anfassen der Furche zusammenpassen.

//Ich schreibe eine Nachricht auf dem Telefon. Es ist eines, was leicht vibriert, beim Berühren der Buchstaben. Der Touchscreen heißt ja so, weil wir ihn anfassen können, aber er berührt ja auch zurück.
Wenn ich eine Nachricht erhalte, vibriert es auch. Ich stelle mir vor, dass die Person, die mir die Nachricht sendet, mich vorsichtig anstößt. Das kann angenehm oder unangenehm sein.

///Als ich schwanger war, habe ich zum ersten Mal über das Innen der Haut nachgedacht, also darüber, dass es eine Trennung gibt, gleichwie eine Verbindung. Das vom Ultraschall hergestellte Bild vom Embryo blieb mir fremd. Als aber die ersten Bewegungen des Kindes einsetzten wurde es realer. Besonders eindrucksvoll später die Tritte und Stöße gegen die Bauchdecke. Die Haut der Bauchdecke bringt in Verbindung und trennt zugleich. Sie verhüllt etwas sehr bewegliches. Das Kind wird größer und die Haut muss sich ausbreiten und verändern. Einige dieser Veränderungen bleiben sichtbar, andere lassen sich nur fühlen.

(*Haut ist eines der Themen, die ich gerade für meine Disputation vorbereite.)

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