2015/07/13

Still Life Moving

Hund, Besuch und M. sitzen verteilt im Wagen, ich fahre. Die Stadt bleibt innerhalb eines Augenblicks zurück. Der Harz ist so nah. Der Besuch scherzt darüber, dass eher langweilige Städte damit werben, dass der „Freizeitwert aber doch so hoch sei“. Das klingt, als habe man alle Leidenschaft verloren oder diese gegen ausreichend Luft zum Atmen eingetauscht.
Durch die Wälder und in die Hügel fahren wir, breite oft leere Straßen entlang. Auch später, auf der langen Wanderung begegnet uns kaum jemand.
Ich halte die Luft an.
Den Himmel zieht es bis hinunter auf den Asphalt. Viele Häuser sind älter und vergessen – manches steht zum Verkauf. Meine Sonnenbrille lässt die Farben satter und tiefer aussehen. Wäre das Virtuelle Realität hätte ich jetzt total immersion erreicht.
Im Wald werde ich kleiner angesichts der riesigen alten Bäume, der Felsen und der stillgelegten Bergwerke. Ich ziehe die Schuhe aus und lasse mich auf das Moos fallen. Erweiterung der Berührungsfläche, successful interface.
Das letzte Jahr sitzt mir noch etwas im Körper und in der Sprache. Dabei schaue ich hauptsächlich verwundert zurück. Nach manchen Beziehungen reibt man sich die Augen. Es ist wie morgens verschlafen vor dem Spiegel zu stehen und noch nicht ganz klar zu sehen. Um dann, mit einem Mal froh zu sein, dass man dort im Spiegel tatsächlich auf sich selbst zurückblickt und sich nicht mehr das Bild eines Anderen/einer Anderen auf den eigenen Körper legt.

2015/07/10

“Intimacy means constantly keeping the other person informed about where you are in relation to them.”

(stumbled upon this by skipping through a newspaper. kept me thinking since.)

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2015/06/12

Es ist 21:48 Uhr.
Ich sitze mit einer Flasche Ketchup, einer Flasche alkoholfreiem Bier und einer Schüssel voll unangetastetem grünem Salat vor dem Haus.
Es ist genau die kurze Zeitspanne des Tages, die auf der Kippe steht.
Es ist weder Tag noch Nacht – doch die Farben verblassen langsam.
Ich versuche stets den Zeitpunkt festzumachen an dem es kippt, der an dem sich alles ändert.
Es gelingt mir nicht.
Noch fliegen Schwalben und Fledermäuse gleichzeitig. Ich schaue auf den Bildschirm, ich schaue nach oben, vielleicht steht da jetzt schon ein Stern. Ich weiß, dass dort immer Sterne stehen, aber wissen und wahrnehmen sind zwei unterschiedliche Dinge.

Ich wünsche mir eigentlich nie, ich würde rauchen.
Aber jetzt tue ich es – zumindest als Idee, als Vorstellung. Ich könnte eine Zigarette drehen; das Papier auseinanderfalten, den Tabak hereinfallen lassen, die Stärke zwischen meinen Fingern justieren, die Klebschicht anlecken, mit der Zunge vorsichtig über die Gummierung fahren, schmecken, innehalten, kleben; dann die Zigarette zum Mund führen, zwischen die Lippen bringen, anstecken – das Feuer flackert leicht, aber vor allem blau.
Ich würde Rauch einatmen, einhalten, mit dem Rauch etwas von der Welt anhalten, in mir anhalten, und es dann leicht verändert wieder ausatmen.
Liebe, Welt – an einem Abend wie diesem sind alle Atome gleich Sprengstoff.

Hello summer, I’ve seen plenty, I’ve seen none before.

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2015/06/05

Sein Kopf liegt neben mir auf dem Sofa. Er ist eingeschlafen. Ich rieche die Wärme, die das feuchte Haar abgibt. Er wollte unbedingt eine Decke, trotz der Hitze. Eine Decke ist wie eine zweite Haut, sie hält ohne etwas zu wollen. Ich verstehe das.

Ich habe wieder angefangen zu lesen und wenn ich lese, will ich gleich auch wieder anfangen zu schreiben. In den letzten Monaten habe ich wenig gelesen und kaum geschrieben. Stattdessen bin ich mitten in/mit den Gesprächen, die ich hauptsächlich übers Telefon führte, in der Luft hängengeblieben.

Worte ändern nichts und alles. Ich schreibe mich neu.

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2015/05/18

Am späteren Morgen kocht der Sojadrink über. Ich bin ganz in der Nähe und dennoch verpasse ich den Moment an dem ich den Topf von der Kochstelle hätte nehmen sollen. Es fühlt sich an, wie einen Absprung zu verpassen. Es geht eine Menge daneben. Gestern Abend hat M. noch die Glaspatte gereinigt, so dass sie wieder glatt und dunkel spiegelt. Der Herd ist ein Geschenk der neuen Liebe. Es wurde bereits mit alten Lieben daran gekocht. Ich finde die Vorstellung ganz gut, dass die Dinge weitergehen und weitergegeben werden.

Dem Kaffee sieht man das Überkochen nicht an.

Ich lese derzeit noch einmal „The Ethical Slut“ und empfinde, mehr noch als beim ersten Lesen, dieses Buch als sehr empfehlenswert für alle möglichen menschlichen Beziehungen. Die Grundgedanken, nämlich möglichst offen und ehrlich ohne Erwartungshaltung zu kommunizieren, sich von symbiotischen Beziehungsvorstellungen zu lösen und in Netzwerken oder Affiliationen und nicht in exklusiven Zweierbünden zu denken und zu handeln, kommen mir nicht nur zupass, wenn ich mich als polyamouröus verorte. Den Umgang mit Ex-Lieben und neuen Lieben, auch Parallellieben oder intensiven Freundschaften, den mir der HeteroMonogamMainstream vorgibt, möchte und mochte ich nie haben. Ich will Menschen, und vor allem andere Frauen*, nicht in Konkurrenz setzen und möglichst wenige Ausschlüsse produzieren. Was ich schätze an der Auseinandersetzung mit Modellen jenseits gängiger Normen ist, dass ich nichts als gegeben hinnehmen kann. Ich muss mit den Menschen um mich herum sprechen und ich muss genau zuhören lernen. Dass muss ich ja eigentlich immer. Allerdings wird dies umso sichtbarer, je weiter ich vorherrschende Referenzsysteme verlasse.

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