2015/03/28

Vom 5. Stock aus auf Plätze blicken

Auf Reisen fällt mir immer die Erzählung “The Comfort of Strangers” von Ian McEwan ein. Vielleicht weil es eine Erzählung ist, die den discomfort, das Unbehagen, des Unterwegsseins auf extreme Weise zuspitzt. Wahrscheinlich auch, weil sie in Venedig spielt, welches wie die Liebe besonders gut im Imaginären funktioniert. Ich lese wenig über das Unschöne des Reisens – wie die Bilder, so bereinigen wir auch unsere Berichte darüber.
Ich bin oft allein unterwegs und meist weil ich Vorträge auf Konferenzen halte. Es gelingt mir fast immer, zumindest einige Stunden das Offizielle zu verlassen und durch die Stadt oder Landschaft zu laufen. Diese Mischung daraus einen Auftrag zu haben, also einen Sinn und Halt zu haben, und zugleich verloren gehen zu können, schätze ich sehr.
Privat reise ich eigentlich erst wieder seit ich ein Kind habe. In meinen Zwanzigern galt Reisen irgendwie als konterrevolutionär und Geld hatte auch kaum wer. Zumindest in meinen politischen Kreisen reiste man nicht viel, sondern machte Arbeitsaufenthalte in südamerikanischen Kooperativen.
Wie zu so vielem habe ich auch heute noch ein ambivalentes Verhältnis zum Reisen. Ich kann mich nicht richtig eintakten in die Struktur Arbeit, Erholungsurlaub, Arbeit. Ich schwanke zwischen NieReisen und ImmerReisen. Vielleicht ist es auch nur der Wunsch nach einem Leben, welches Reisen nicht mehr nötig macht.
Jetzt aber bin ich unterwegs, mit Kind, was das Unterwegssein sehr ändert. Es bricht den Autonomiegedanken der westlichen Reisenden ein wenig – ich finde mich zumindest in keinem Reiseführer wieder; auch nicht in denen die Tipps für Kinder geben. In den Zoo gehe ich nicht (und selbst wenn ich würde, finden diese sich von selbst). Einen Überblick über Abenteuerspielplätze und ein Verzeichnis naheliegender Fuss/Basketballplätze vermisse ich dagegen. Es ist interessant, wie anders (m)ein Kind eine Stadt wahrnimmt. Ich lerne viel über meine eigene Begrenztheit. Nach nur einem Tag in Lissabon kenne ich zehn neue Getränkesorten (wegen der Kronkorken) und ich weiß auf welcher Frequenz die Sicherheitsleute im Castelo funken (auch wir haben Walkie-Talkies). Ich werde Zeugin von kindlicher Verzweiflung, als uns in einem Laden der Besitzer stolz einen gehäuteten toten Hasen präsentiert. Wir verlaufen uns anschließend in Alfama und mein Kind findet den Weg, weil es Graffiti als Landmarks benutzt.

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Den Abend verbringe ich nicht Wein trinkend und Fado hörend unten auf der Straße, sondern im Fenster sitzend, während mein Kind vor Erschöpfung früh schläft. Ich habe viel Zeit den Platz zu beobachten, auf den die kleine Wohnung den Blick freigibt. Ich schaue aus dem Fenster und zugleich zurück. Einer der letzten Gedanken des Tages ist es, dass ich nur Vertrauen haben kann, wenn im Schönen zugleich etwas Trauriges liegen darf, wenn es Brüche gibt, die die Oberflächen mit den Tiefen verbinden.

2015/03/22

newer materialism

someone once said / someone sad once said to me
that i was some kind of hypermaterialist
we had a conversation about life and death and what to tell children about what happens when people die
i answered that i tell my truth
a poetic version of how we are matter and this matter stays, but transforms
that we are made of stardust in a way and that we return to be dust
that nothing gets lost
but that everything transforms
that there is no heaven and no god and no soul
and that afterlife happens on a molecular level
that ants and worms eat us, that we become soil, plants, stardust if you stretch the concept
and that afterlife happens in the memory of others and the objects that we leave behind

2015/03/20

geometrie / geographie / choreographie

“I can’t give it up. Up. Up. Up.”

Eine Stadt betreten wie ein anderes Leben, eine andere Person, eine Alternative, viele Alternativen, die alle genauso valide sein könnten. Um richtig oder falsch geht es nicht bei Entscheidungen. Es geht eher darum etwas zu werden oder nicht zu werden, eine Bewegung auszuführen und diese formt durch die Ausführung Körper und Selbst. Mehr noch als das Ergebnis der Entscheidung brauche ich diese Beweglichkeit, die Möglichkeit zur Änderung. Nicht nur beim Tanz schreibt der Körper einen Raum, der nicht feststehen kann.

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2015/03/01

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(When you realize you’ve already left.)

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2015/02/20

„Eines Tages, ich war schon alt, kam in der Halle eines öffentlichen Gebäudes ein Mann auf mich zu. Er stellte sich vor und sagte: ‚Ich kenne Sie seit jeher. Alle sagen, Sie seien schön gewesen, als Sie jung waren, ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß ich Sie heute schöner finde als in Ihrer Jugend, ich mochte Ihr junges Gesicht weniger als das von heute, das verwüstete.‘

Ich denke oft an jenes Bild, das einstweilen nur ich sehe und von dem ich nie gesprochen habe. Es ist immer noch da, in der gleichen Stille, wunderbar. Es ist das einzige Bild von mir, das mir gefällt, das einzige, in dem ich mich wiedererkenne und welches mich entzückt.

Sehr bald in meinem Leben war es zu spät. Mit achtzehn war es zu spät. Zwischen achtzehn und fünfundzwanzig nahm mein Gesicht eine unerwartete Richtung. Mit achtzehn bin ich gealtert. Ich weiß nicht, ob es allen so geht, ich habe nie gefragt. Mir ist, als hätte man mir schon von jenem Zeitschub erzählt, der einen manchmal überrascht, wenn man die jugendlichsten, die meistgefeierten Jahre des Lebens durchquert. Dieses Altern war jäh. Ich sah, wie es einen Gesichtszug nach dem anderen erfaßte, wie es deren Beziehung untereinander veränderte, wie es die Augen größer machte, den Blick trauriger, den Mund bestimmter und in die Stirn tiefe Furchen grub. Statt darüber erschrocken zu sein, verfolgte ich dieses Altern meines Gesichts mit der gleichen Neugier, mit der ich mich zum Beispiel in ein Buch vertieft hätte. Ich wußte auch, es war keine Täuschung, es würde sich eines Tages verlangsamen und seinen normalen Lauf nehmen. Die Leute, die mich im Alter von siebzehn, während meiner Reise nach Frankreich, kannten, waren beeindruckt, als sie mich zwei Jahre später mit neunzehn wiedersahen. Dieses neue Gesicht habe ich behalten. Es war mein Gesicht. Selbstverständlich ist es weiter gealtert, doch weniger als zu erwarten gewesen wäre. Ich hab ein von trockenen und tiefen Falten zerfurchtes Gesicht, mit welker Haut. Es ist nicht erschlafft wie manche Gesichter mit feinen Zügen, es hat die Konturen bewahrt, doch sein Stoff ist zerstört. Ich habe ein zerstörtes Gesicht.“

(Aus: „Der Liebhaber“ von Marguerite Duras)

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